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Offener Brief der ÖGS zur Einführung des neuen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms

Aktuell herrscht in der Bevölkerung große Verunsicherung bezüglich des neuen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms („Brustkrebs-Screening“). Eine Online-Petition mit dem Anliegen „Weiterhin kostenlose Mammographieuntersuchung für jede Frau durch Zuweisung durch den niedergelassen Arzt“, fordert dazu auf, das neue Brustvorsorge-Screeningprogramm auszusetzen und hat bis dato bereits rund 45.000 Unterzeichner.

Die Österreichische Gesellschaft für Senologie (ÖGS – interdisziplinäres Forum für Brustgesundheit) befürwortet in einem offenen Brief klar die Einführung des neuen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms und widerlegt die Argumente der online-Petition, denn:

– Die systematische Früherkennung bei unter 40-jährigen Frauen kann wegen der geringen Erfolgsquote des Bruströntgens und der Seltenheit der Erkrankung in diesen Altersstufen bei gleichzeitig deutlich erhöhter Strahlensensibilität des Brustdrüsengewebes mit der Gefahr induzierter Brustkrebse sogar schädlich sein und ist weltweit in keiner Empfehlung der verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften festgeschrieben.

– Aktuell nehmen nur 7% bis 17% der Frauen zwischen 40 und 74 Jahren an regelmäßigen Mammographiescreenings teil. Das neue, flächendeckende und qualitätsgesicherte Brustkrebsfrüherkennungsprogramm wird bei entsprechender Beteiligung der angesprochenen Frauen zu einer deutlichen Verbesserung der Resultate bei der Brustkrebsbehandlung führen.

– Selbstverständlich bleibt die Mammografie-Untersuchung bei entsprechender Indikation auch unabhängig vom neuen Brustvorsorge-Screeningprogramm für Frauen jeden Alters kostenlos.

Der offene Brief der ÖGS lautet im Original:

Offener Brief der Österreichischen Gesellschaft für Senologie

Die österreichische Gesellschaft für Senologie (ÖGS), die medizinische Fachgesellschaft für Brustgesundheit, sieht sich im Hinblick auf Aktivitäten im Internet, die die Durchführung des österreichischen Brustkrebsfrüherkennungsprogramme in Frage stellen, zu einer informativen Gegendarstellung veranlasst, um offensichtliche Missverständnisse aufzuklären.

Die EU Kommission hat bereits 2003 auf einstimmigen Beschluss aller EU-Gesundheitsminister eine Empfehlung zur Brustkrebsfrüherkennung in Form von bevölkerungsbezogenen Programmen unter Berücksichtigung der Qualitätssicherung auf allen Ebenen herausgegeben, die Österreich nun als eines der letzen Länder umsetzt. In zwei Drittel der EU-Mitgliedsstaaten werden 50- bis 69-jährige Frauen in zweijährigen Abständen untersucht, was sich in allen erfolgreichen wissenschaftlichen Studien als optimal erwiesen hat. In den restlichen Ländern gibt es Sonderregelungen mit Erweiterung der Altersgrenze nach unten bis 40 Jahre und nach oben bis 74 Jahre in wechselnder Ausprägung. Österreich geht hier einen klugen Mittelweg, der es zusätzlich Frauen von 40 bis 44 Jahren sowie 70 bis 74 Jahren durch persönliche Anmeldung ermöglicht, an dem Programm teilzunehmen. Dies gilt auch für alle nicht sozialversicherten Frauen.

Die systematische Früherkennung bei unter 40 jährigen Frauen kann wegen der geringen Erfolgsquote des Bruströntgens und der Seltenheit der Erkrankung in diesen Altersstufen bei gleichzeitig deutlich erhöhter Strahlensensibilität des Brustdrüsengewebes mit der Gefahr induzierter Brustkrebse sogar schädlich sein und ist weltweit in keiner Empfehlung der verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften festgeschrieben. Bei Frauen über 75 Jahre, bei denen Brustkrebs mit bekanntermaßen wenig aggressivem Tumorverhalten auftritt, führt die regelmäßige Selbst- und ärztliche Untersuchung zu einem gleichguten Resultat wie das Screening. Bei entsprechender Indikation bleibt die Mammografie-Untersuchung jedoch selbstverständlich auch unabhängig vom neuen Brustvorsorge-Screeningprogramm für Frauen jeden Alters kostenlos.

Zweifelsohne gehört unser Land auch bisher zu den Spitzenreitern bei Brustkrebsfrüherkennung und Heilungsraten. Dennoch gilt es im Rahmen des neuen Konzepts offensichtliche Problemzonen zu beseitigen: So wissen wir, dass in den entsprechenden Altersdekaden nur 7% bis 17% das Mammographiescreening regelmäßig in Anspruch nehmen und zwischen 27% und 55% noch nie bei der Vorsorgeuntersuchung waren. Dieser unbefriedigende Zustand findet sich gehäuft bei sozial benachteiligten Frauen und Frauen mit Migrationshintergrund.

Die Antwort darauf ist das neue, flächendeckende und qualitätsgesicherte Brustkrebsfrüherkennungsprogramm. So sind im Gegensatz zur bisherigen Situation für alle im Programm arbeitenden RöntgenfachärztInnen zusätzliche Qualitätskriterien (mindest 2000 Mammographien pro Jahr, Verwendung ausschließlich digitaler Mammographiegeräten mit geringerer Strahlenbelastung, obligate Doppelbefundung durch einen zweiten qualifizierten Arzt, permanente Fortbildungserfordernis sowie regelmäßige Qualitätsüberprüfung durch zentrale Dokumentation) obligat. Die Implementierung dieses überaus ambitionierten Programms wird bei entsprechender Beteiligung der angesprochenen Frauen zu einer weiteren Verbesserung der Resultate bei der Brustkrebsbehandlung führen.

Wir, als dafür zuständige interdisziplinäre Fachgesellschaft, begrüßen und unterstützen diese Programm als längst fälligen, gesundheitspolitisch notwendigen Schritt. So werden noch bessere Heilungschancen bei verbesserter Lebensqualität durch weniger belastende Therapien für Frauen aller Gesellschaftsschichten ermöglicht.

Wir hoffen jedenfalls die durchaus nachvollziehbare Skepsis, Besorgnis und Ängste vieler Frauen ausgeräumt zu haben und stehen für einen sachlichen und fruchtbaren Dialog bereit. Als Diskussionsgrundlage steht die Programm-Website www.frueh-erkennen.at zur Verfügung.

Im Namen aller Vorstandsmitglieder der ÖGS

Prim. Univ.-Doz. Dr. Rupert Koller (Präsident)
Univ.-Prof. Dr. Thomas Helbich, MSc, MBA (Vizepräsident)
Univ.-Prof. Dr. Michael Stierer (Mitglied)

Rupert Koller © Studio Huger
Rupert Koller © Studio Huger


Die Österreichische Gesellschaft für Senologie (ÖGS) ist ein interdisziplinäres Forum für Brustgesundheit. Sie unterstützt den Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen klinischen und theoretischen Fachrichtungen auf den Gebieten der Medizin, der Biologie, der Physiologie und allen Personen, die sich mit Diagnostik und Therapie von Erkrankungen der Brustdrüse beschäftigen. Die ÖGS fördert darüber hinaus kooperative und interdisziplinäre Studien zur wissenschaftlichen Vertiefung der Kenntnisse in diesem Bereich.